Lokalität

Im Film "The 13th Floor" gibt es eine Szene, in der Protagonist Douglas (gespielt von Craig Bierko) mit seinem Auto an den Rand der Stadt fährt, dort durch alle Straßensperren hindurchbrettert und erst anhält, als er den Rand der Simulation erreicht. Dort stellt er erschreckt fest, dass die Welt außerhalb der Stadt gar nicht existiert. In Wachenheim sieht es zum Glück anders aus. Wer das Gebiet der Verbandsgemeinde verlässt, ist in wenigen Minuten in Bad Dürkheim, Deidesheim, Neustadt, Maxdorf, usw. An den Rand der Welt kommt man so schnell nicht.

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Viele Anträge und Pläne, mit denen sich der VG-Rat beschäftigt, scheinen hier anderer Meinung zu sein. So wird beispielsweise beim Einzelhandelskonzept oft ignoriert, dass die Supermärkte im Bruch und in Deidesheim für viele bequemer zu erreichen sind als der Rewe in Wachenheim. Bei der Errechnung der Quadratmeterzahlen spielt nämlich das Umland keine Rolle, es zählt allein das Territorium der VG selbst. Mit dem Klimaschutzkonzept [1] verhält es sich ähnlich: Es stellt eine endenergiebasierte Territorialbilanz auf, die jedoch zum einen den Energieverbrauch der Produktion von Waren und Dienstleistungen außerhalb der VG außer acht lässt, und sich zum anderen in ihren Maßnahmen auf konkrete Vorschriften innerhalb der VG beschränkt (mehr Energie selbst produzieren, weniger verbrauchen). Dabei ist klar, dass eine wirksame Reduktion des CO2-Ausstoßes nur durch eine feste CO2-Obergrenze erreicht werden kann, welche eben nicht von der Verbandsgemeinde, sondern nur durch einen bundes- oder EU-weiten Zertifikatehandel effizient umgesetzt wird. Den Energieverbrauch lokal über Bauvorschriften zu regulieren macht das Bauen in Wachenheim teurer und trägt dazu bei, dass das Wohnen in unserer Stadt immer mehr zum Luxusgut und Privileg wird.

No town is an island

Die Versuchung, sich beim Planen nur auf sein kleines Fleckchen Erde zu konzentrieren, ist stark. Hier haben wir die politischen Gestaltungsmöglichkeiten, und das Gebiet der Verbandsgemeinde ist klein und überschaubar. Mit der Realität hat das jedoch nichts zu tun: Wer in Wachenheim wohnt geht nicht hier zur Schule. Wer hier arbeitet, wohnt nicht hier und wer hier wohnt, arbeitet nicht hier. Und der Wocheneinkauf wird nicht in einem einzelnen Geschäft erledigt, sondern in mehreren und online.

Schon seit über 200 Jahren ist die Welt so stark vernetzt, dass ein großer Teil der menschlichen Aktivität die Grenzen des eigenen Dorfes überschreitet. Und das ist gut so! Denn nur so können wir die Arbeitsteilung und Spezialisierung erreichen, die unserem Wohlstand zugrunde liegt. Gleichzeitig haben auch die Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, nur noch selten ihren Ursprung in der Verbandsgemeinde.

Ohne Kontext kommen wir nicht weit. Es ist Zeit, diesen Grundgedanken auch auf die Stadtplanung anzuwenden. Nicht jede Tonne CO2, die in der VG produziert wird, muss auch hier wieder ausgeglichen werden. Nicht jeder Einkauf muss hier bedient werden können.

Wir sollten bei jeder Kennzahl die Grenzen hinterfragen, für die sie gilt. Jeder Versuch, sich abzukapseln, jedes Streben nach Autarkie ignoriert die Lebenspraxis der Moderne und führt zu schlechten Entscheidungen.

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